Ich will mich ja nicht beschweren. Bis auf die ersten drei üblen Monate verlief meine Schwangerschaft bisher ganz unproblematisch. Es gab keine Wassereinlagerungen, keine nennenswerten Rückenschmerzen, meine Gewichtszunahme ist weder zu viel noch zu wenig und im grossen und ganzen war ich recht fit.
Seit einiger Zeit jedoch kaempfe ich zunehmend mit der sogenannten Schwangerschafts-Demenz. Ich vergesse nicht nur Namen sondern habe auch Probleme einfache Zusammenhänge in kurzer Zeit zu verstehen. Mein bisher gelerntes Spanisch scheint auf einer externen Disk untergebracht zu sein und irgendwie ist auch hier die Verbindung abgerissen. Mit der Demenz kam auch die Unlust. Wenn es nach mir ginge würde ich wahrscheinlich das Haus nicht mehr verlassen und nur rumliegen.
Dann vor ein paar Tagen kaufte ich Winterschuhe. Zeitweilig erreicht das Thermometer zwar noch die 29 Grad Marke aber fuer das kommende Festagswochenende (Thanksgiving) sind Temperaturen um die sieben Grad angekündigt. Ich muss mich nun wohl endgueltig von meinen Schmetterlingen verabschieden. Ja, diese flattern auch noch Mitte November fröhlich durch El Paso. Ich musste die Winterschuhe eine Nummer grösser als gewöhnlich kaufen. Es schockierte mich, also nun doch Wassereinlagerungen. Hinzu kommen Sodbrennen, Hitzegefühle und natürlich heftige Tritte in die Blase. Die Müdigkeit ist mein ständiger Begleiter.
Auf das zweite Kind freut man sich nicht mehr ganz so euphorisch wie auf das Erste, habe ich kürzlich irgendwo gelesen. Macht Sinn, man hat bereits das Wissen um die stressige Zeit die da kommt, die Schmerzen der Geburt, der ständige Zeitmangel, Müdigkeit und ganz zu Schweigen von den Veränderungen des eigenen Körpers.
Ich halte ein kleines weinrotes Samtkleid in meinen Händen, ein Geschenk von einer Freundin an meine Tochter. Ich werde eine Tochter haben. Diese Tatsache verunsichert mich ein wenig seitdem ich Hannas Töchter von Marianne Fredriksson lese. Darin geht es hauptsächlich um die Mutter-Tochter-Beziehung. Töchter urteilen anders als Söhne und insbesondere über die eigne Mutter. Irgendwie sind da Generationskonflikte vorprogrammiert. Man empfindet die eigene Mutter als Frau immer irgendwie altmodisch, selbst wenn diese noch in ihren besten Jahren ist. Man kann sich die eigentlich wichtigste Frau im Leben nicht als junges Mädchen vorstellen, unsicher, unbeschwert oder gar mit Romanzen. Da gab es immer nur die alte Frau, die nicht viel über sich selbst spricht. Töchter wollen aber reden, hinterfragen auch die Beziehung zwischen Mutter und Vater, urteilen streng und nach anderen Maßstäben. Fragil ist die Beziehung zwischen Mutter und Tochter und voller Mißverständnisse. Manchmal fehlen Müttern auch einfach die richtigen Worte um sich selbst zu erklären. Es gibt nicht viel Platz für das eigene Ich im Leben mit Kindern oder gar Töchtern. Man steht eben am Morgen auf und tut was zu tun ist. Erst viel später im Leben kann man Verständnis für die eigene Mutter aufbringen, dann wenn man selbst Kinder hat. Und plötzlich merkt man wie sehr man sich Mamas Ideale zueigen gemacht hat. Ängste und Sorgen sind die Gleichen und so werden es die Verhaltensweisen. Ich glaube dann endlich kann man in der eigenen Mutter eine verständnissvolle Freundin finden und erst vieles wirklich verstehen.
Mich tröstet der Gedanke, dass ich klein anfange – mit ihr als Baby. Wie mein Sohn auch wird sie irgendwann Laufen lernen und eigene Interessen entwickeln und dann, wenn sie alt genug ist um über mich zu urteilen werde ich versuchen ihr alles mit meinen Worten zu erklären. Bis dahin ist aber noch genügend Zeit um das Leben mit Kindern zu genießen.