Circa einmal im Jahr darf man sich als reguläre lower class Militärehefrau wie eine elegante Dame fühlen, nämlich dann wenn sich das Militär selber feiert und zum Ball einlädt. Schon Wochen vorher gibt es unter den Frauen des Battalions kein anderes Gesprächsthema. Kleider wollen gekauft, Babybäuche verhüllt, Nägel lackiert und Schuhe gefunden werden. Man bespricht sich öffentlich via Facebook und jedes Mal wenn eine wieder erfolgreich war gratuliert die Facebook und Militär community.
Natürlich erwähnte ich nicht öffentlich, dass ich mein Kleid zum Schnäppchenpreis in einem Resteladen gekauft hatte. Ich dachte auch nicht mehr daran und staarte tagtäglich auf das wunderschöne Kleid, dass da auf einem Bügel an der Gardinenstange hing. Meine eleganten Schuhe und meine Handtasche lagen sicher zwischen feinem knisternden Papier in einer Pappschachtel.
Am Abend vor dem Ball folgten Freundin N. und ich unserem Beschluß uns die Nägel verschönern zu lassen. Ich betrat Neuland. Noch nie hatte ich mir professionel die Nägel machen lassen und ich wusste nicht wirklich was ich erwarten sollte. Der Dyer, eine der größeren und ollen Geschäftsstraßen nahe der Militärpost scheint fest in asiatischer Hand. Sara, die Koreanerin stattet meinen Mann mit Klamotten aus, während sie mich mit Reiskuchen und Kinder mit Süssigkeiten füttert, Kee hat die besten Sushi-Rollen und wunderbares Teriyaki Hühnchen und kneift meiner halbasiatischen Tochter gerne in die dicken Backen. So war es wenig verwunderlich, dass auch Hollywoodnägel und asiatischen Einwanderern geführt wird.
Ich wollte eigentlich nur eine nette French Manicure auf Gel. Der Mann an dessem Tisch ich Platz nahm, sprach mit starkem Akzent hinter einer Schutzmaske. Ich verstand trotz meiner 109 von 120 möglichen Punkte im TOEFL Test die mir fremden Vokabeln nicht. Ich bekam Gel-Nägel, aber die Lackierung war falsch. Ich machte den Mund auf als er schon fertig war und er war leicht erbost. Ich bekam eine neue Lackierung und beschloß nie wieder in den Laden zu gehen. Das Endergebnis war dennoch okay, nur schmerzten mir die Fingernägel in der darauf folgenden Nacht aufgrund des Gels, dass musste sich wohl erst noch ausdehnen.
Gegen vier des darauffolgenden Tages lieferten wir die Kinder bei unserer Nachbarin B. ab. Mein Sohn hatte schon mehrfach im Hause B. übernachtet aber für das Baby war es das erste mal, dass sie eine Nacht ohne Mama und Papa verbrachte. Ich war natürlich nervös ob alles gut gehen würde. Am liebsten hätte ich eine Gebrauchsanweisung mit dazu gepackt. Auch wenn B. drei Kinder großgezogen hat denkt man doch als Mutter immer, dass das eigene Kind ganz besonders behandelt werden muss. Mein Kind zum Beispiel muss Ohren anfassen zum Einschlafen. Mein Mann versuchte mich zu beruhigen. Ich wusste ja auch, dass sie in guten Händen war und alle Hausbewohner kannte. Sie würden schon miteinander klar kommen.
Wir checkten ins mondäne Camino Real ein. Mein Lieblingshotel, nobel, schick mit dicken Teppichen, toller Hotelbar und Spiegeln an der Wand, dennoch genug Schmuddel damit ich mir nicht fehl am Platze vorkam.
Unser Zimmer im elften Stock war alsbald übersäht mit Klamotten und Schminkzeug. Wenig später traten Herr und Frau L. gestriegelt und geschminkt in den Aufzug und fuhren zum offiziellen Empfang. Als erstes schaut man sich als Frau natürlich erst mal um, nach bekannten Gesichtern und nach den Kleidern, die anderen Damen tragen. Manche Frauen hatten absolute Wow-Kleider, andere waren eher underdressed. Ich fühlte mich wohl in meinem Kleid und sog die Komplimente ein. Zum Empfang wurden Käse, Früchte und Brot serviert. Ich überaß mich am Käse, insbesondere der Brie hatte es mir angetan. Brie ist hier verhältnismässig teuer, daher essen wir ihn so gut wie nie. Die anderen Ladies und ich posierten für die Kameras, mein Mann und ich ließen ein Bild von einem proffesionellen Fotografen machen und dann begann der offiziellere Teil mit der Receiving Line. Mann und ich schüttelten Hände und sagten „Hi“ zu irgendwelchen höheren Militärmenschen und deren Ehefrauen. Wir nahmen danach an unserem Tisch platz. Im Faltblättchen vor mir das Abendprogramm, unterbrochen von Lebensläufen gefallener Soldaten, die in heldenhafter Weise ihr Leben gaben um das der Kameraden zu schützen. Neben mir die Mathelehrerin mit den tausenden Nahrungsmittelallergien. Für sie ist es fast unmöglich auswärts zu essen. Vor dem Ausbruch der Allergien sei sie mal übergewichtig gewesen, vertraut sie mir an, ich kann es kaum glauben.
Neben dem üblichen Tralala wurden Reden gehalten. Der banale Glassalzstreuer vor mir avanciert zum Symbol für die vergossenen Tränen über den Tod junger Soldaten. Als nächstes wird eine Lobrede auf die Military Spouse gehalten. Er, der Gastredner berichtete von 20 Jahren Ehe und 20 Jahre Militärzeit, davon wie er seine damals 19 jährige Frau an einem fremden Ort, ohne Freunde und Familie zurücklassen musste als die Pflicht rief, davon wie sie nicht mit der Wimper zuckte als er sie später abermals mit den Babies alleine lies und viel später als er ein drittes Mal weg musste und als er sich nochmal umdrehte sah wie sie jungen Army Wives Mut zusprach.
Das hochschwangere Sweetheart am Tisch vor mir brach in Tränen aus. Die Rede war zu emotional für sie, sie die bald ihr erstes Kind haben wird und wo jetzt schon klar ist, dass ihr Mann für lange Zeit in den Krieg muss. Eine Mädchentraube begleitet sie nach draußen. Ein merkwürdiges Ereigniss unter den riesigen Kristallkronleuchtern und den hübsch geschmückten Tischen und Stühlen, kein Ort für Tränen.
Das Menü ist ein schlechter Witz. In jenem Hotel hab ich schon weitaus besser gegessen. Hätte ich nicht so Hunger gehabt hätte ich den ungekochten Reis, das harte Fleisch und die nichtvorhandenen Artischocken liegen gelassen. Zum Abschluss des öffentlichen Programmes mussten die großen und wichtigen Jungs mit einer Art Bowle anstoßen. Jede Einheit kippte also rein, was sie gerade hatte und heraus kam ein merkwürdiges alkoholisches Getränk mit einer seltsamen rosanen Farbe. Die Reste wurden unter den einzelnen Tischen aufgeteilt und gerade die jungen Soldaten kippten sich das Zeugs hinter die Ohren und kurze Zeit später war ihnen schlecht.
Später wurde getanzt. Die Männer zogen die Uniformen aus, knöpften die oberen Knöpfe an ihren Hemden auf und die Damen entledigten sich der hochhackigen Schuhe. Das Licht wurde gedämpft und zu Salsa, Hip Hop und Rock tantzte man barfuss auf dem Parkett. Auch ich hatte meine Schuhe längst ausgezogen und lief mit nackten Füßen über die dicken Teppiche.
Wir beendeten den Abend an der Hotelbar. Eine Band spielte spanische Lieder und ich trank Cranberry Juice. Irgendwann brachte mich mein Mann ins Zimmer. Ich war müde, schwanger eben. Irgendwann in der Nacht kam er dann wieder, ich roch Alkohol und drehte mich weg.
Am nächsten Morgen war ich gegen sieben wach. Ich wollte mein Baby. Es vergeht schließlich kein Morgen ohne dass ich das dicke, süße Kind beknuddele. Ich kochte Kaffee in der kleinen Kaffeemaschine und bemühte mich vergeblich unauffällig meinen Mann zu wecken:
„Willst du Kaffee? Dein Kaffee wird kalt….! Trink doch jetzt endlich deinen Kaffee!“
Irgendwann gab mein Mann genervt seinen Schlaf auf. Ich solle es doch mal genießen, dass die Kinder nicht da sind. Ich konnte nicht. Ich wollte mein Baby und ich war mir sicher, dass mein Baby mich wollte.
Dehydriert und hungrigwie wir waren gab es Subway Sandwiches und Wasser zum Frühstück, danach ein Jogurt Eis und dann endlich holten wir die Kids wieder ab. Ich schloß mein Baby in die Arme und war stolz auf meinen Sohn. Meine Tochter hatte sich nämlich den ganzen Abend bei ihrem großen Bruder aufgehalten und der durfte nicht mal alleine aufs Klo gehen ohne dass sie anfing zu weinen. Somit hatte er wenig Spielzeit mit seinen Freunden aber trug die Verantwortung wie ein Mann und kümmerte sich um sie. Tolles Kind! Nun hängt mein Kleid im begehbaren Kleiderschrank und wird wohl lange darauf warten müssen wieder herausgenommen zu werden. Schade eigentlich, ich würde gerne viel öfter elegante Dame spielen.

6 comments
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Juni 7, 2009 um 4:14
Umgezogene S.
Du schreibst sooo toll !!! Freu mich für dich, dass du so einen schönen Abend hattest und bin gespannt auf das Kleid…
Ich melde mich morgen oder so mit der Nummer. Alles gut gegangen bei mir, nur vollkommen fertig.
Glückwunsch auch zu 109 von 120, I told you!
Grüße, SiSi
Juni 7, 2009 um 4:15
Umgezogene S.
Ich bin ein rotbrauner Pfeil mit Antennen-Ohren!!
Juni 9, 2009 um 12:50
curioustraveller
Junge, wenn es so was auch von meinem Arbeitgeber gäbe, das würde meine Frau glücklich machen … sie meint ohnehin, dass ich im Alltag klamottenmäßig zu „gewöhnlich“ rumlaufe… Meinen Hochzeitsanzug habe ich nach der Hochzeit nur noch einmal zur Beerdigung meines Vaters getragen, seither hängt er im Schrank. (Sonntags trage ich immer Stoffhose, Jackett und Collarhemd (Priesterhemd)).
Juni 10, 2009 um 3:20
ninifee
Herrlich – ich lese deine Berichte so gerne. Ich glaube so eine ganze Nacht ohne MM – nein, das kann ich nicht. Für nix auf der Welt. Mal Essen gehen am Abend ok – mehr geht noch nicht. Übermutter – lach. Zum Glück hast du so viel Brie gegessen – da kannst du das schlechte Abendessen wegstecken:) Scheint ein netter Abend gewesen zu sein – aber mir scheint auch – daheim ist es am schönsten – oder?
LG ninifee
Juni 23, 2009 um 11:46
Butterflocke
Hachz, ich würde auch zu gerne mal in einem tollen langen Kleid übers Parkett schweben. Nur leider hat mir bisher der Anlass gefehlt. Aber- die Hoffnung stirbt zuletzt. Vielleicht passiert es ja doch mal.
Wenn Veranstaltungen dieser Art hier bei uns auf der Air Base sind, bin ich ja auch ein bisschen involviert…weil wir die schicken Fummel anschliessend zum reinigen bekommen:), und da werden die meisten gebührend bewundert, bei manchen der Geschmack angezweifelt, und manche verführen zum Tagträumen.
Nun hast du die Feuerprobe ja bestanden. Die erste Nacht ohne das Baby. So wirde es das nächste mal ein Milliatömchen leichter. Aber auch nur vielleicht, gelle..*gg*
herzliche Grüsse aus der Pfalz
Butterflocke
Juli 8, 2009 um 8:00
Sandra
Das Kleid ist wirklich superschön – auch wenn es mehr gekostet hätte
Das Foto von Euch beiden ist auch richtig gut geworden, ich finde Euch beide eh so fotogen, auch wenn ihr eigentlich sehr unterschiedlich ausseht.