Der Mensch kam nackt auf die Welt, damit er Mode machen kann, davon bin ich überzeugt. Ich beschäftige mich seit ca. 1.5 Jahren mit dem Thema nähen und bin so froh, dass auch meine Lieblingscousine unter die Näher gegangen ist. Nun können wir uns nämlich übers Nähen unterhalten und das macht mindestens genauso Spaß wie Nähen an sich. Wenngleich die Begeisterung fürs Nähen bereits seit Kindertagen in uns schlummerte hat doch Heidi Klum ihren Teil dazu beigetragen, dass Dornrösschen erwachte und sich zwar nicht wieder ans Spinnrad aber dennoch and die Nähmaschine setzte. Man kann ja von Heidi halten was man will aber hier in den USA hat sie eine wirklich gute Show mit hochgezogen. Project runway, eine reality show in der talentierte Nachwuchsdesigner versuchen sich einen Platz in der New Yorker Fashionweek zu sichern. Das Konzept gibt es mittlerweile auch in anderen Ländern, allerdings leider nicht in Deutschland. Vielleicht auch deswegen weil Deutschland noch immer modisches Niemandsland ist und junge Designer es schwer haben sich zu etablieren. Dank Youtube kommt auch meine Lieblingscousine an Folgen von Project runway und zwar von allen Ländern, für sie als Kulturwissenschaftlerin ein gefundenes Fressen.
Neulich unterhielten wir uns darüber welche Mittel und Wege wir beschreiten um ordentlich Nähen zu lernen. Überrascht war ich, wie unterschiedlich wir an die Sache rangehen.
Ich habe mir eines Tages bei Amazon eine Art Nählexikon bestellt, in dem alles Schritt für Schritt erklärt wird. Im Pawnshop erstand ich für ein paar Dollar eine einfache und gebrauchte Nähmaschine und los gings. Ich fing an mit einem einfachen Quilt aus Bettlakenresten. Als ich das drauf hatte, kaufte ich mir irgendwann Stoff und Schnittmuster und wollte mir ein Oberteil nähen. Mein Stoff entpuppte sich als schwer zu verarbeiten und das Nähmuster war mir unverständlich, also landete alles in der Mülltonne und es war erst mal Ruhe für eine Weile. Irgendwann packte mich jedoch wieder das Fieber und beschloß anders an die Sache ran zu gehen. Ich zog wieder los und kaufte ein Schnittmuster von einem anderen Hersteller, welches super leicht nachzuvollziehen war. Mein Sohn suchte sich einen Stoff aus, und ich nähte ihm eine Schlafanzughose. Es funktionierte problemlos und ich blieb bei dem Hersteller. Gerade nähe ich ein Frühlingskleid für meine Tochter, bin fast fertig.
Meine Cousine hingegen beschäftige sich erst mal mit der wissenschaftlichen Basis der Herstellung und Verarbeitung von künstlichen und natürlichen Fasern. Dann begann sie sich durch die Geschichte der Mode zu lesen und lieh in sämtlichen Bibliotheken der Hauptstadt alles aus, was sich darüber finden ließ. Dann buchte sie einen Kurs um die Grundlagen zu lernen und weil sie am liebsten schon morgen mit ihren Entwürfen am Leib ins Nachtleben will gab es gleich ein Mannequin. Das schöne an dem Mannequin ist, dass man sich 1. lästiges an und ausprobieren sparen kann und zweitens den Stoff so dranheftet wie man es braucht, ohne jemals ein Schnittmuster in der Hand gehabt zu haben. Bei der Methode ist Kreativität gefragt weil man mit seinen eigenen Ideen arbeitet. Nähmaschine kaufte sie natürlich auch noch, nicht so hochwertig wie erwünscht, weil natürlich sind gute Nähmaschinen sind superteuer aber dennoch gut genug um erst mal Sinn und Zweck zu erfüllen. Und schon nähte sie los. Bin gespannt was du da so nähst, liebe Cousine! Ich hoffe du schickst mal Bilder.
Diese verschiedenen Vorgehensweisen spiegeln wohl auch wieder wo wie hinwollen mit unserer Näherei und wo wir gerade stehen. Sie ist eher der Avantgarde Mensch und ich, einfach eine Hausfrau, die gerne in der Nähabteilung rumhängt weil es da so schön bunt und friedlich ist, gerne was für die Kids und den Haushalt näht und den Kartoffelknopf an der Microwelle tatsächlich benutzt. Langweilig! Ich beschloß daher meiner Cousine imaginär in die Bibliothek zu folgen und besuchte zum ersten Mal eine Nichtmilitärbibliothek hier in E.P. Und wow, sind die gut ausgestattet, leider hatte ich kaum Zeit mir was für Fashiondesign auszuleihen, weil ich einem Kleinkind hinterherlaufen musste (Mann hatte Stroller aus dem Auto genommen und mir nix gesagt, grummel). Zwei Nähbücher für Kindersachen und ein Buch über Blumen in Texas erstand ich dennoch in den wenigen Minuten. Ist keine Avantgarde aber hilft mir sicherlich weiter, die Kinder mit selbstgenähten Sachen zu beglücken. Leider kam ich dem Entwerfen an sich keinen Schritt näher.
Wenn ich mich nicht doch noch aus unerfindlichen Gründen hier im Community College für Modedesign anmelden sollte, heisst es wohl auf lange Sicht für mich, dass sich der Traum von Blitzlichtgewitter über meiner eigenen Kollektion schon vor längerer Zeit in Luft aufgelöst hat, so wie viele Sachen, die man aufschiebt oder ganz vergißt wenn man eine Familie zu versorgen hat. Ist nicht schlimm, man tut es schließlich aus Liebe und die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. Ich bin jedenfalls froh nach vielen Jahren etwas gefunden zu haben was ich getrost als Hobby bezeichnen kann und in dem ich total aufgehe. Jetzt heisst es warten bis sich die Gerichte darüber einigen wer die sechste Staffel von Project Runway USA ausstrahlen darf und bis dahin wird fleißig weitergenäht.