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Letztes Wochenende war mein Mann mal wieder irrsinnig froh, dass ich eines von meinen Besichtigungszielen ausgekramt habe.
„Willst du die Wegbeschreibung aufschreiben?“
Ja, wollte er. Wir fuhren dann irtümlicherweise bis an die Grenze von New Mexico und dann wieder zurück und endeten in einer schlimmen Gegend voller homeless people zwischen Bahnschienen und auf einer Schotterpiste. Familienstreit!
Ein Anruf genügte und ein Freund schaute mal in seinem GPS nach und endlich fanden wir unser Ziel. Das Haus der Familie Magoffin downtown El Paso, Geburtsstätte der Stadt El Paso. Ein bißchen Geschichte schadet schließlich nie. Dort angekommen, hatten wir gerade noch so die Tour verpasst und hätten eigentlich eine Stunde auf die nächste Tour warten müssen. Eine freundliche junge Dame jedoch nahm sich unserer an, vermutlich weil wir die zwei Kinder dabei hatten und sie uns nicht zumuten wollte solange zu warten. So bekamen wir unsere persönliche sehr ambitionierte Tourführerin. Als der erste Magoffin die Handelsstraßen von Chihuahua bis in die heutigen Staaten hinein bereiste war dies noch wildes Land. Der älteste Teil des Hauses ist daher noch aus Adobe hergestellt. Adobe ist eine Mischung aus Sand, Lehm, Pflanzenteilen und schlimmstenfalls Tierpoop. Wir kamen allerdings nicht um uns nur Wände anzugucken.
Das Haus mit seinen 3 Flügeln, unzähligen Räumen enthält eine sehr schöne Sammlung von Möbeln und Gegenständen aus dem 19 Jahrhundert bis hinein in die ersten zwei Jahrzehnte des 20igsten Jahrhunderts.
Der romantische Teil meines Herzens macht Luftsprünge bei solchen historischen Orten. Ich hätte gerne in jener Zeit gelebt. Hauptsächlich deswegen weil die Leute so einen Hang zu Rüschen, Schörkeln, Blättern und Blumen hatten. Es gab Drama und Feen und Elfen, die Damen trugen ihr Haar hochgesteckt und Puffärmel und Korsetts, zarte weiße Handschuhe und Hüte. Unsere Tourführerin muss genauso fühlen. Sie erzählte mir, dass sie normalerweise an den Wochenenden in Kostümen rumlaufen, nur eben gerade dieses Wochenende nicht.
Sie, die Tourführerin erzählte mit leuchtenden Augen die Familiengeschichte der Magoffins, immerhin hatten sie 110 Jahre in dem Haus gelebt, bevor die Stadt El Paso und das Land Texas beschlossen das Haus zum kulturellen Erbe zu machen. Die Magoffins waren maßgeblich am Bau der Eisenbahn beteiligt ohne die, diese Stadt niemals hätte entstehen können und alles was man hätte hier sehen können wäre das historische Ft. Bliss gewesen.
Einige Exponate erweckten sogar das Interesse meines sonst eher weniger an Geschichte interesierten Mannes. Die Leute hatten tatsächlich einen getrockneten aufgeblasenen Kugelfisch am Kronleuchter im Salon hängen. Die freundliche Dame erklärte uns, dass man dies früher quasi als Statussymbol dort hingehungen hatte. Meine Vermutung ist, dass es mit fernen Reisen in fremde Länder assozieriert wurde. Tatsächlich unternahmen die Magoffin Männer und auch einige der Frauen zahlreiche Reisen. Irgendeiner von denen kaufte seiner Frau auch ein traumhaftes Schlafzimmerset, veredelt mit deutschem Silber und italienischem Marmor. Das dunkle Holz war nach allen Regeln der Kunst verschnitzt. Der Traumhafte Baldachin verschleierte das Bett mit weißem, durchscheinendem Stoffe. Äußerst unromantisch: Damals schlief man im Sitzen um nicht mitten im Schlaf durch Atemprobleme zu sterben. Tuberkulose ließ grüßen. Zehntausend Kissen machten es der Dame des Hauses bequem.
Irgendeiner der Familie war auch ein berühmt-berüchtigter Partymensch. Seine Feiern waren legendär, beinhalteten nicht selten fünfgängige Menüs und fingen manchmal erst um 12 Uhr nachts an. Ich würde auch gerne Partys schmeißen von denen man noch 100 Jahre später zu berichten weiß.
Im Garten stand ein Olivenbaum und neben dem Haus gab es sogar einen Kräutergarten. Ich tat das, was schon meine Mutter mit mir gemacht hatte. Ich schnappte meinen Sohn und ließ ihn einige Blättchen im Kräutergarten pflücken und hielt ihn an diese zwischen seinen Fingern zu zerreiben. Der Geruch von Pfefferminze, Liebstöckel und Majoran entfaltete sein Aroma. Und ich dachte darüber nach wie schön es wäre ein ganz simples Leben zu führen, ohne Strom, ohne Computer, ohne Fernsehen.
Ein großes Haus, einen Kräuter-, Rosen- und Gemüsegarten, Hühner und andere Tiere, nähen am Abend – Kleidung für die Kinder und mit Spitze versäumte Bettwäsche. Aufstehen bei Sonnenaufgang, den Bienen zuschauen wie sie in den Kirschblüten ein und ausfliegen. Ach ja, das Leben könnte so romantisch sein. Träumen wir nicht alle ab und zu davon?
Ich zumindest werde mich noch lange an jenes Haus erinnern und nachts davon träumen wie ich vor dem riesigen Spiegel meinen Hut aufsetze, meine Handschuhe überstreife und dann im Esszimmer eine lustige Party gebe.
Der Mensch kam nackt auf die Welt, damit er Mode machen kann, davon bin ich überzeugt. Ich beschäftige mich seit ca. 1.5 Jahren mit dem Thema nähen und bin so froh, dass auch meine Lieblingscousine unter die Näher gegangen ist. Nun können wir uns nämlich übers Nähen unterhalten und das macht mindestens genauso Spaß wie Nähen an sich. Wenngleich die Begeisterung fürs Nähen bereits seit Kindertagen in uns schlummerte hat doch Heidi Klum ihren Teil dazu beigetragen, dass Dornrösschen erwachte und sich zwar nicht wieder ans Spinnrad aber dennoch and die Nähmaschine setzte. Man kann ja von Heidi halten was man will aber hier in den USA hat sie eine wirklich gute Show mit hochgezogen. Project runway, eine reality show in der talentierte Nachwuchsdesigner versuchen sich einen Platz in der New Yorker Fashionweek zu sichern. Das Konzept gibt es mittlerweile auch in anderen Ländern, allerdings leider nicht in Deutschland. Vielleicht auch deswegen weil Deutschland noch immer modisches Niemandsland ist und junge Designer es schwer haben sich zu etablieren. Dank Youtube kommt auch meine Lieblingscousine an Folgen von Project runway und zwar von allen Ländern, für sie als Kulturwissenschaftlerin ein gefundenes Fressen.
Neulich unterhielten wir uns darüber welche Mittel und Wege wir beschreiten um ordentlich Nähen zu lernen. Überrascht war ich, wie unterschiedlich wir an die Sache rangehen.
Ich habe mir eines Tages bei Amazon eine Art Nählexikon bestellt, in dem alles Schritt für Schritt erklärt wird. Im Pawnshop erstand ich für ein paar Dollar eine einfache und gebrauchte Nähmaschine und los gings. Ich fing an mit einem einfachen Quilt aus Bettlakenresten. Als ich das drauf hatte, kaufte ich mir irgendwann Stoff und Schnittmuster und wollte mir ein Oberteil nähen. Mein Stoff entpuppte sich als schwer zu verarbeiten und das Nähmuster war mir unverständlich, also landete alles in der Mülltonne und es war erst mal Ruhe für eine Weile. Irgendwann packte mich jedoch wieder das Fieber und beschloß anders an die Sache ran zu gehen. Ich zog wieder los und kaufte ein Schnittmuster von einem anderen Hersteller, welches super leicht nachzuvollziehen war. Mein Sohn suchte sich einen Stoff aus, und ich nähte ihm eine Schlafanzughose. Es funktionierte problemlos und ich blieb bei dem Hersteller. Gerade nähe ich ein Frühlingskleid für meine Tochter, bin fast fertig.
Meine Cousine hingegen beschäftige sich erst mal mit der wissenschaftlichen Basis der Herstellung und Verarbeitung von künstlichen und natürlichen Fasern. Dann begann sie sich durch die Geschichte der Mode zu lesen und lieh in sämtlichen Bibliotheken der Hauptstadt alles aus, was sich darüber finden ließ. Dann buchte sie einen Kurs um die Grundlagen zu lernen und weil sie am liebsten schon morgen mit ihren Entwürfen am Leib ins Nachtleben will gab es gleich ein Mannequin. Das schöne an dem Mannequin ist, dass man sich 1. lästiges an und ausprobieren sparen kann und zweitens den Stoff so dranheftet wie man es braucht, ohne jemals ein Schnittmuster in der Hand gehabt zu haben. Bei der Methode ist Kreativität gefragt weil man mit seinen eigenen Ideen arbeitet. Nähmaschine kaufte sie natürlich auch noch, nicht so hochwertig wie erwünscht, weil natürlich sind gute Nähmaschinen sind superteuer aber dennoch gut genug um erst mal Sinn und Zweck zu erfüllen. Und schon nähte sie los. Bin gespannt was du da so nähst, liebe Cousine! Ich hoffe du schickst mal Bilder.
Diese verschiedenen Vorgehensweisen spiegeln wohl auch wieder wo wie hinwollen mit unserer Näherei und wo wir gerade stehen. Sie ist eher der Avantgarde Mensch und ich, einfach eine Hausfrau, die gerne in der Nähabteilung rumhängt weil es da so schön bunt und friedlich ist, gerne was für die Kids und den Haushalt näht und den Kartoffelknopf an der Microwelle tatsächlich benutzt. Langweilig! Ich beschloß daher meiner Cousine imaginär in die Bibliothek zu folgen und besuchte zum ersten Mal eine Nichtmilitärbibliothek hier in E.P. Und wow, sind die gut ausgestattet, leider hatte ich kaum Zeit mir was für Fashiondesign auszuleihen, weil ich einem Kleinkind hinterherlaufen musste (Mann hatte Stroller aus dem Auto genommen und mir nix gesagt, grummel). Zwei Nähbücher für Kindersachen und ein Buch über Blumen in Texas erstand ich dennoch in den wenigen Minuten. Ist keine Avantgarde aber hilft mir sicherlich weiter, die Kinder mit selbstgenähten Sachen zu beglücken. Leider kam ich dem Entwerfen an sich keinen Schritt näher.
Wenn ich mich nicht doch noch aus unerfindlichen Gründen hier im Community College für Modedesign anmelden sollte, heisst es wohl auf lange Sicht für mich, dass sich der Traum von Blitzlichtgewitter über meiner eigenen Kollektion schon vor längerer Zeit in Luft aufgelöst hat, so wie viele Sachen, die man aufschiebt oder ganz vergißt wenn man eine Familie zu versorgen hat. Ist nicht schlimm, man tut es schließlich aus Liebe und die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. Ich bin jedenfalls froh nach vielen Jahren etwas gefunden zu haben was ich getrost als Hobby bezeichnen kann und in dem ich total aufgehe. Jetzt heisst es warten bis sich die Gerichte darüber einigen wer die sechste Staffel von Project Runway USA ausstrahlen darf und bis dahin wird fleißig weitergenäht.
Kurz bevor wir hier unser neues temporäres Zuhause gezogen sind hatten wir einen Stromausfall auf der Eastside. Es war komplett dunkel draußen und drinnen und wir lagen also mit den Kindern auf dem Bett bei Kerzenschein und mein Mann erzählte die Geschichte vom Riesenseestern. Es ist schon wieder eine Weile her aber ich versuche mal die Geschichte so gut es geht wiederzugeben.
Es war einmal eine Insel im Pazifik die wurde immer kleiner. Der Grund warum sie immer kleiner wurde war ein riesiger riesiger Seestern, der jeden Tag kam und jeden Tag ein Stück Insel auffraß. Öfter mal griff sich dieser Riesenseestern sogar einen der Bewohner wenn sie unvorsichtig waren und verschlang ihn. Die Insulaner verfielen in Panik und schickten einen ihrer Leute zum weisen Mann, der ganz alleine am anderen Ende der Insel wohnte. Niemand hatte ihn seit Jahren gesehen und man wusste nicht ob er überhaupt noch lebte.
Der weise Mann dachte eine Weile nach und hatte dann eine Idee. Was glaubt ihr denn wieviele Tentakeln der Riesenseestern hatte? Fünf? Nein, der Riesenseestern hatte viel viel mehr.
Man baute menschengroße Puppen aus Stroh und stellte sie am Strand auf. Als der Seestern kam und einen seiner Tentakeln um eine Strohpuppe schlang nahm der weise Mann ein Beil und schlug ihm den Arm ab. An jenem Abend hatten die Inselbewohner ein großes Mal und jeder wurde satt vom Seesternarm. Am nächsten Tag kam der Riesenseestern zurück und wollte erneut eine Strohpuppe greifen, die er für einen Menschen hielt. Auch dieses Mal wurde ihm der Arm abgehackt. Das Spiel wiederholte sich einige Male doch jedes Mal wurde der Seestern vorsichtiger und die Inselbewohner mussten geschickter vorgehen. Als er nur noch einen Arm hatte, griff der Seestern wieder zu.
„Hey, ich bin der Falsche, ich bin nicht von dieser Insel.“ Sprach sein Opfer, der nichts über den Riesenseestern wußte und nur zu Besuch gewesen war. Ende.
Ich wies meinen Mann darauf hin, dass dies kein ordentliches Ende sei für eine Geschichte. Mein Mann meinte er könne das auch nicht ändern, dass sei eben so.
Ich habe ein Buch über die Mythologie der Marshallinseln und viele der Geschichten sind nicht nur grausam sondern auch merkwürdig für ein europäisches Gemüt. Oder was soll man von Mensch-Laus-Hybriden-KIndern halten, die sich unter Muscheln verstecken und letztendlich doch von einem Dämon zerdrückt werden? Die Geschichten enden alle sehr merkwürdig. Da ist kein trauriges Hans Christian Anderson Ende oder ein Gutes wie bei den Grimm Brüdern, irgendwie ist da so überhaupt kein Ende. Dank dieses Buches weiß ich aber auch, dass man am Anfang der Welt die Fische angemalt hat. Wie sonst soll man sich die Farbenvielfalt der Tiere im Pazifik erklären. Wenn ich mal ganz viel Zeit haben sollte, dann will ich die eine oder andere Geschichte ins Deutsche übersetzen.

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