Heute im Park: Ich telefonierte gerade mit der Nordeurpäerin und verabredete mich mit ihr zum Weihnachtsshopping als von weitem eine offensichtlich Deutsche samts Tochter sich dem Spielplatz im Park näherte. Wir waren bis dato die einzigen die den Spielplatz aufgesucht hatten, vermutlich deshalb weil es draussen nur ca. 12 Grad waren. Man kann hier in El Paso die Deutschen sehr leicht von allen anderen Bewohnern unterscheiden, insbesondere die Frauen, denn dem Klischee entsprechend sind fast alle blond, gross und blauäugig. Dann kann man nochmal rein vom Äußeren unterscheiden zwischen den Angehörigen der Bundeswehr bwz. Luftwaffe und den Ehefrauen der US-Soldaten. Es liegt am Kleidungsstil.
Jedenfalls setzte sich die Dame natürlich nicht neben mich auf die Bank sondern auf die, die da weiter weg stand. Hätte man in Deutschland wohl auch so gemacht. Ich überlegte wie ich mich verhalten sollte und entschied, dass ich hingehen und mal “Guten Tag” sagen sollte, da man ja immerhin auch noch irgendwie deutsch ist. Ich lief also hin und sagte “Hallo” und fragte ob ich mich setzen dürfte. Ich durfte und trotzdem hatte ich das Gefühl unbedingt auf Distanz bleiben zu müssen. Ich machte vielleicht gerade heute nicht den Besten Eindruck, so in Samthosen, Turnschuhen und einem übergrossen Pullover meines Mannes um den Babybauch warm zu halten. Angeamerikanischter Schlabberlook eben. Vielleicht trug das dazu bei, dass ich plötzlich verunsichert war im Umgang mit meiner Landsmännin. Aus dieser Verunsicherung heraus Sietzte ich sie. Das ist etwas was mir ausser im Umgang mit Kunden selbst im Berufsleben vollkommen fremd war.
Hier in den USA stellt sich ja jeder mit dem Vornamen vor und man zollt seinem Gegenüber den notwendigen Respekt indem man hinter dem “yes” und “no” noch ein “Sir” oder “Ma’am” hinzufügt. Allerdings mache ich das kaum, nur beim Zahnarzt und vielleicht beim Chef meines Mannes, obwohl ich da eher auf Satzkonstellationen verzichte wo das “Sir” passen könnte. Passt ohnehin nicht zum Babytalk und dass ist so ziemlich das einzige worüber er und ich uns jemals unterhalten haben.
Der Amerikaner an sich ist wesentlich lockerer im Umgang mit seinem Gegenüber. Mir passiert es zum Beispiel hin und wieder, dass ich von Frauen, die etwas älter sind als ich einfach mit “Sweety” angesprochen werde. Auch dann wenn ich eigentlich Kunde bin. Nicht das es mich stört aber man gewöhnt sich eben die kühle deutsche Distanz hier ganz schnell ab. Unter den ArmyFrauen habe ich noch nie erlebt, dass man sich gesietzt hat. Vermutlich geht es denen allen ähnlich wie mir und es würde einem irgendwie unnatürlich vorkommen, zumal wir alle im gleichen Boot sitzen und die Army immer als eine einzige grosse Familie dargestellt wird.
Ich aber sietzte also im Ausland meine Landsmännin und kam mir irgendwie ziemlich doof dabei vor. Ihre Bekannte betrat den Ort des Geschehens und stellte sich mir mit einem Lächeln im Gesicht nur mit dem Vornamen vor. “Wie jetzt?”, fragte ich mich. Sollte ich zu ihr auch “Sie” sagen und sie mit dem Vornamen anreden oder “Du”, was in Gegenwart der anderen Dame vielleicht falsch gewesen wäre. Ich war plötzlich total verunsichert. Irgendwie wird man anders wenn man zu viel im Land der unbegrenzten Möglichkeiten war und nur von raubeinigen US-Soldaten, deren abenteuerlustigen Ehefrauen oder lebensfrohen mexikanischen Einwanderen umgeben ist.
Ich kenne die Spielregeln der normalen Deutschen nicht mehr und finde mich in deren Sozialstrukturen mit all den dazugehörigen Umgangsformen nicht mehr zurecht. Zu diesem Schluss kam ich als ich vollkommen daneben die eine Dame mit “Sie” anredete und wenn ich beide ansprach das “Du” verwendete. Ich fand es einfach nur anstrengend und mein Mann wunderte sich als ich am Abend nachdenklich auf dem Sofa saß. “Findest du meine Umgangsformen daneben?” Fragte ich also meinen Mann. Ich erzählte was passiert war und erhielt als Antwort schlichtweg, dass ich mir einfach nur zu viele Gedanken machen würde…..
